Latein

ALTE SPRACHEN (LATEIN UND GRIECHISCH) AN DER SANKT-ANSGAR-SCHULE

Die Sankt-Ansgar-Schule (SAS) gehört zu den 7 altsprachlichen Gymnasien in Hamburg. Innerhalb des katholischen Schulverbands bietet die SAS als einziges Gymnasium einen altsprachlichen Zweig ab Klasse 5 an. Die Fächer Latein und Altgriechisch werden an der SAS nicht nur wie an staatlichen Schulen in klassisch-humanistischer Tradition unterrichtet. Bildung und Erziehung sind an der katholischen Schule auch vom christlichen Menschenbild in ignatianisch-jesuitischer Tradition bestimmt.

CURRICULA BIS ZUM LATINUM BZW. GROSSEN LATINUM

Seit Beginn des Schuljahrs 2012/2013 ist das Fach Latein nicht mehr für alle Schülerinnen und Schüler (SuS) verpflichtend. Es kann jedoch nach wie vor ab Klasse 5 zusammen mit Englisch im altsprachlichen Zweig (= 5 A) belegt werden. Für die SuS der anderen Zweige gibt es die Möglichkeit, Latein in Klasse 6 als zweite Fremdsprache – alternativ zu Spanisch neu aufzunehmen (= 6 B). Das Zustandekommen der Lateinkurse in Klasse 6 ist garantiert, unabhängig von der Anzahl der SuS, die sich für das Fach entscheiden.

Für interessierte SuS der 4. Grundschulklassen, die an der SAS den altsprachlichen Zweig 5 A belegen wollen, gibt es die Möglichkeit, an einem Probeunterricht teilzunehmen. Gleiches gilt für die SuS der 5. Klassen, die bereits auf der SAS sind und in 6 B Latein wählen möchten – auch sie können in einer Probestunde erste Erfahrungen und Eindrücke von dem Fach sammeln. Die Termine für den Probeunterricht werden in jedem Jahr auf den zugehörigen Elterninformationsabenden bekannt gegeben.

In dem Zweig 5 A stellt der parallel beginnende Unterricht in zwei Fremdsprachen, Latein und Englisch, für die SuS nach den bisher gemachten Erfahrungen keine Schwierigkeit dar. Gleichwohl erhalten alle SuS zusammen mit ihren Eltern bei den Anmeldungsgesprächen für das Gymnasium eine eingehende individuelle Beratung bei der Frage, welcher Zweig und Bildungsweg für sie an der SAS zu empfehlen ist.

In den Zweigen 5 A und 6 B lernen die SuS Latein jeweils in einem etwa 4-jährigen Sprach- und Grammatikkursus an Hand des Unterrichtswerks „Iter Romanum“. Das entspricht ungefähr einem jährlichen Pensum von 11-13 Lektionen und 400 Vokabeln.

Seit dem Schuljahr 2013/2014 werden in den Klassen 6-9 in den Zweigen 5 A und 6 B jeweils pro Halbjahr eine standardisierte Leistungskontrolle in Form einer schulinternen Jahrgangsarbeit durchgeführt. Die Jahrgangsarbeiten werden von den Fachlehrern der SAS gestellt und sind auf den geltenden Hamburger Lehrplan für das Fach Latein (als 1. bzw. 2. Fremdsprache) abgestimmt. Das Ergebnis der Jahrgangsarbeit geht prozentual wie eine normale Klassenarbeit in die Zeugnisnoten ein.

Nach der 4-jährigen Spracherwerbsphase beginnt für die SuS in 5 A zu Beginn der Klasse 9, für die SuS in 6 B zu Beginn der Klasse 10 der Lektüreunterricht, in dem Originalwerke der antiken und mittelalterlichen lateinischen Literatur übersetzt und interpretiert werden.

Lektüreerfahrung mit lateinischer Dichtung und Prosa ist eine Bedingung für den Erwerb des Latinum-Abschlusses. Im Zweig 5 A erhalten die SuS das Latinum am Ende der Klasse 9, das sogenannte Große Latinum am Ende der Klasse 10. Im Zweig 6 B erhalten die SuS das Latinum am Ende der Klasse 10, das sogenannte Große Latinum am Ende des 2. Semesters der Oberstufe, falls sie Latein solange weiter belegen.

BESTIMMUNGEN FÜR DAS (GROSSE) LATINUM

Voraussetzungen für den Erwerb des (Großen) Latinums sind:

  • kontinuierliche Teilnahme an 5(bzw. 6)-jährigem Lateinunterricht
  • Erfahrung mit lateinischer Originallektüre
  • die Mindestnote 4 (oder besser) im Abschlusszeugnis der Jahrgänge, in denen das (Große) Latinum vergeben wird.

Wenn einzelne SuS die Voraussetzungen für das (Grosse) Latinum nicht erfüllen, z.B. weil sie ein Jahr im Ausland verbracht oder im entscheidenden Zeugnis mit einer geringeren Note als 4 abgeschnitten haben, gibt es die Möglichkeit, zu Beginn des folgenden Jahrgangs die verpasste Qualifikation durch Teilnahme an einer zentral von der Hamburger Schulbehörde durchgeführten Latinumsprüfung nachzuholen. Eine andere Möglichkeit ist die, Latein noch ein Jahr länger an der SAS zu belegen und dann mit der Zeugnisnote 4 (oder besser) abzuschließen.

Für das (Große) Latinum erhalten die SuS kein eigenes Zertifikat. Der Erwerb der Qualifikation wird am Ende der Schullaufbahn auf dem Abgangszeugnis vermerkt.

Der Besitz des (Großen) Latinums ist grundsätzlich ein Plus bei der Bewerbung um Ausbildungs- und Studienplätze. Darüber hinaus ist das Latinum nicht nur in Latein und Altgriechisch, sondern auch in einer Reihe weiterer Studienfächer (z.B. Theologie, Archäologie, Geschichte, Philosophie, Romanistik) an den meisten deutschen Universitäten eine Voraussetzung für die Zulassung zum Studium. Außerdem behalten es sich gerade anspruchsvollere Hochschulen vor, bei starkem Andrang auch in Fächern wie Germanistik, Jura oder Medizin das Latinum zum Kriterium für die Auswahl und Annahme der Bewerber zu machen.

LATEIN IN DER OBERSTUFE BIS ZUM ABITUR

Wenn SuS nach Klasse 10 in der Oberstufe Latein weiter führen möchten, können sie das Fach im Rahmen des Religionsprofils V („Leib und Seele“) oder als Wahlkurs belegen. Der Wahlkurs wird dabei im Stundenplan meist mit dem Profilkurs Latein zusammengelegt.
Wenn darüber hinaus einzelne SuS Latein im Abitur als schriftliches oder mündliches Prüfungsfach nehmen möchten, was durchaus immer wieder vorkommt, müssen sie zu Beginn der Oberstufe, also im 1. Semester, zusammen mit dem betreffenden Fachlehrer und der Oberstufenkoordination besprechen, wie sich dieses Anliegen organisatorisch im Rahmen der derzeit geltenden Bestimmungen realisieren läßt. Denn zusätzlich zu dem 2-stündigen Profil- bzw. Wahlkurs in Latein muss dann für Abiturkandidaten noch ein weiterer 2-stündiger Ergänzungskurs eingerichtet werden.

LATEIN IN DER STUDIEN- UND OBERSTUFE DER STADTTEILSCHULE

Auch für die SuS, die an der SAS in den Jahrgängen 11-13 die Studien- und Oberstufe der Stadtteilschule durchlaufen, besteht bei hinreichender Kursteilnehmerzahl die Möglichkeit, in einem 3-jährigen Schnellkurs Latein zu lernen und mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung zum Abschluss das Latinum zu erwerben.

ZUSÄTZLICHE AKTIVITÄTEN IM RAHMEN DES LATEINUNTERRICHTS

Latein-SuS, die an Fremdsprachenwettbewerben teilnehmen möchten, werden auf Wunsch dabei von den Lehrkräften der SAS unterstützt und begleitet. In den letzten Jahren waren mehrere Lateinschüler(innen) und -klassen der SAS bei solchen Wettbewerben erfolgreich. Eine Schülerin hat z.B. für das Studium der Klassischen Philologie ein Auslandsstipendium erhalten und studiert derzeit Latein und Griechisch an der englischen Universität in Oxford.

Nicht nur in den sogenannten Projektwochen, sondern auch innerhalb des normalen Lateinunterrichts finden an der SAS phasenweise Projektarbeiten mit größeren Lerngruppen statt. Wichtig ist vor allem die Film AG, in der und für die schon mehrere Verfilmungen antiker mythologischer Stoffe und literarischer Texte aus der lateinischen Literatur von SUS realisiert werden konnten.

Außerdem beteiligt sich die SAS regelmäßig mit Werkräumen, Produktionen aus dem Unterricht und Musikbeiträgen an der Ausgestaltung des „Römertags„, der im 2-Jahres-Rhythmus von den Eltern der altsprachlichen Gymnasien in Hamburg als großes Fest an einer der beteiligten Schulen veranstaltet wird.

Last but not least die Exkursionen:

Der Lateinunterricht an der SAS wird seit dem Schuljahr 2013/2014 von Exkursionen flankiert, in denen den SuS antike Überlieferung im Zusammenhang mit dem modernen Kulturleben nahe gebracht wird. Regelmäßig geplant sind pro Jahrgang für die jeweiligen Klassen und Kurse folgende Unternehmungen:

  • Klasse 6: Besuch der Antiken-Abteilung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe
  • Klasse 7: Besuch von Sonderausstellungen oder anderen Veranstaltungen, die einen inhaltlichen Bezug zur Antike haben, in Hamburg oder im erreichbaren Umland
  • Klasse 8: 1-tägige Fahrt nach Berlin zum Pergamon-Museum
  • Klasse 9: 2-tägige Fahrt nach Köln, u.a. zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum
  • Klasse 10: 4-tägige Exkursion in die einstige römische Kaiserstadt Trier (zusammen mit Griechischkursen der Mittel- und Oberstufe).
  • Oberstufe: 1-wöchige Projektreise nach Rom. Die Teilnahme an dieser Fahrt ist für Lateinschüler der Oberstufe garantiert, zusätzlich können aber auch SuS mitfahren, die Latein nicht belegt haben.
  • Oberstufe: Besuch von Theaterinszenierungen klassischer antiker Dramen auf Hamburger Bühnen

 

Tabellarische Übersicht:

 

Tabelle-Latein2
Zu den Zielen des Latein-Unterrichts an der SAS

Entsprechend der historischen Rolle des Lateinischen als der Basissprache vieler moderner Fremdsprachen liegt auch an der SAS der Schwerpunkt des Unterrichts in der Unter- und Mittelstufe, also in den Phasen des Spracherwerbs und der Anfangslektüre bis zum Latinum, ganz traditionell auf der Vermittlung grundlegend wichtiger Kenntnisse in der allgemeinen Schulgrammatik, die für das Erlernen anderer Sprachen und für das bewusste Reflektieren über menschliches Denken und Sprechen überhaupt fruchtbar gemacht werden können.

Auf Grund der durch G 8 und andere Schulreformen verringerten zeitlichen Unterrichts- und Übungskapazitäten können weitere mögliche, im Lehrplan vorgesehene und durchaus attraktive Themen wie z.B. die kritische Auseinandersetzung mit antiker Geschichte, Staatskunde, Religion und Mythologie, Philosophie, Rhetorik, Kunst usw. und überhaupt das Anstreben von Bildungszielen wie der Fähigkeit zum distanzierten Vergleich der eigenen heutigen mit einer fremden vergangenen, aber für uns teilweise noch wichtigen Kulturepoche nicht mehr im gleichen Umfang wie früher betrieben werden. Dergleichen kommt episodisch in einzelnen, begrenzten Unterrichtseinheiten anlässlich geeigneter Lektionen des Lernbuchs „Iter Romanum“ zur Sprache oder es wird hin und wieder in Phasen des Projektunterrichts thematisiert. Faktisch sind die zugehörigen Lerninhalte und -gegenstände aber in der Unter- und Mittelstufe größtenteils ausgelagert und abgegeben an benachbarte Schulfächer wie Geschichte, PGW, Deutsch und Religion. Eine intensivere und eingehendere Beschäftigung mit den kulturellen Leistungen der Antike ist daher, auch mit Rücksicht auf die zeitliche Belastung der heutigen Schülerinnen und Schüler, sinnvoll eher in den lateinischen Oberstufenkursen anbietbar.

Übersicht der wichtigsten grammatischen Unterrichtsstoffe in der Spracherwerbsphase:
  1. Lateinjahr: Wiederholung, Festigung, Vertiefung des grammatischen Lernstoffs der Grundschule und Ausgleich vorhandener Lernrückstände an Hand elementarer sprachlicher Erscheinungen des Lateinischen: Formenlehre der Verben (Indikativ Aktiv Präsens, Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt) und der Nomina (o-/a-Deklination, 3. Deklination). Grundlegende grammatische Kategorien: Satzteile; Kasusfunktionen; Zeiten; Personen. (Iter Romanum Lektion = IRL 1-12)
  2. Lateinjahr: Verben in Futur 1 und 2 Aktiv. Erste Begegnung mit Besonderheiten des lateinischen Satzbaus: A.c.I.; Verwendungsweisen des Konjunktivs. Verschiedene Arten von Nebensätzen. (IRL 13-24)
  3. Lateinjahr: Verben im Passiv (alle Zeiten, Indikativ und Konjunktiv). Lateinische Partizipialkonstruktionen (participium coniunctum, ablativus absolutus). Besonderheiten der Formenlehre: e- und u-Deklination; Verben mit besonderen Konjugationstabellen; Pronomina; Zahlwörter. (IRL 25-36)
  4. Lateinjahr: Relativsätze. Steigerung der Adjektive und Adverbien. Weitere Besonderheiten des Lateinischen: -nd-Formen (Gerundium und Gerundivum); Deponentien. (IRL 37 ff.)

Auch wenn es unter den derzeitigen arbeitsökonomischen Bedingungen kaum anders geht, als dass sich der Lateinunterricht in der Unter- und Mittelstufe konzentriert und beschränkt auf die Vermittlung fundierter Grammatik- und Sprachkenntnisse, so sind die pädagogischen Zielsetzungen dabei doch grundverschieden von dem einseitigen, lebensfernen, rein formalen Lern- und Übungsdrill vergangener Zeiten.

Im Zentrum steht, und zwar in jeder noch so kurzen Phase des Unterrichts, eine sprachbewusste, reflektierte Persönlichkeit, die am Beispiel des Lateinischen zwar auch erfährt, was es heißt, sich durch kontinuierliches Lernen und Arbeiten ein umfängliches, logisch-systematisch strukturiertes Wissen dauerhaft anzueignen und methodische Verfahrensweisen bis zur selbstverständlichen Routine einzuüben. Dies soll jedoch im Geiste kritisch-verantwortlicher Wachsamkeit stets so geschehen, dass bei der Anwendung des Gelernten das eigene Abwägen, Entscheiden und Handeln (z.B. angesichts mehrerer Übersetzungs- und Auffassungsmöglichkeiten bei einem Text) immer von dem Bewusstsein der Komplexität der Sachlage und der Vielzahl möglicher unterschiedlicher Folgen der je und je getroffenen Wahlentscheidungen durchdrungen ist. Der Schwerpunkt liegt dabei letztlich auf dem Bildungsziel der Begründungskompetenz, d.h. die Schülerinnen und Schüler sollen im Lateinunterricht mehr und mehr lernen und sich selbst in den Stand setzen, an Hand der ihnen bekannten grammatischen Beurteilungsgesichtspunkte unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten eines Textes zu prüfen und je nach dem argumentativ angemessen zu verteidigen, einzuschränken oder gänzlich zurückzuweisen.

Sofern dieses Kompetenzideal die Fähigkeit selbstständigen, unabhängigen, vernunftgeleiteten, sachgerichteten Denkens einschließt, ist mit ihm auch eine kritisch distanzierte Haltung gegenüber jeglichen Informationsquellen und insbesondere ein prüfend-skeptischer Umgang mit den inhaltlichen Angeboten der modernen Medien verbunden, andererseits aber genauso auch die Offenheit für eine Pluralität unterschiedlicher Auffassungen, Deutungsansätze und gedanklicher Möglichkeiten, also eine gesteigerte Fähigkeit zur Empathie und zum Sich-Hineinversetzen in andere Standpunkte.

Um es mit einem Vergleich anschaulich zu machen: Das theoretische Wissen und praktische Können, das der Lateinunterricht an der SAS den Schülerinnen und Schülern vermitteln will, liegt – als formales Modell genommen – etwa in dem, worüber z.B. auch ein Richter verfügen muss, wenn es für ihn verantwortungsbewusst und differenziert eine schwierige Rechtslage zu analysieren und zu beurteilen gilt, oder z.B. auch ein Arzt, der bei einem Notfall schnell unter einer Mehrzahl möglicher Diagnosen die richtige zu finden und entsprechende medizinische Maßnahmen einzuleiten hat.

 

Zusätzliche Anmerkung und Literaturtipps:

Der vorstehende Text zu den Zielen des Lateinunterrichts beruht durchaus auf eigenen Erfahrungen und Gedanken der Lateinlehrer an der SAS. Gleichwohl sind, sozusagen aus dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildungsdiskussion und Kulturkritik, auch bestimmte Lektüreerfahrungen eingeflossen.

Schon seit längerem ist zu beobachten, dass im Zuge der globalen Ausweitung des kapitalistischen Wirtschaftsmodells die Erziehungssysteme der westlichen Demokratien zusehends unter Druck geraten, Aspekte der politisch-moralischen und kulturell-künstlerischen Persönlichkeitsbildung zurückzustellen gegenüber den vorherrschend funktionalistischen, zweckrationalen Forderungen der technisch-ökonomischen Vernunft. Auch wenn das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, haben international anerkannte Philosophen und Bildungstheoretiker auf diese langfristig besorgniserregende Entwicklung längst mit klugen, sachkundigen Buchveröffentlichungen reagiert. Dabei fällt auf, wie stark diese Autoren, von denen keiner eines überholten bürgerlichen Konservatismus verdächtig ist und auch keiner einseitig und beschränkt nur die Interessen eines Berufsverbandes von Lateinlehrern vertritt, auf Leitbilder aus der Tradition des Humanismus und der europäischen Aufklärung zurückgreifen und dabei nicht nur neuzeitliche Instanzen, sondern mindestens ebenso sehr die Klassiker der antiken politischen Philosophie und individualethischen Erziehungstheorien wie Aristoteles, die Stoiker, Cicero und Augustinus zu Rate ziehen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Latein – und ebenso Altgriechisch – als Schulfächer möglicherweise auch in der modernen Welt in der Lage wären, vernünftige, an Werten von Demokratie, Freiheit und Humanität orientierte Erziehungs- und Bildungsziele unabhängig von anderen pädagogischen Ansätzen allein aus dem eigenen inhaltlichen Traditionsbestand zu entwickeln und zu begründen. In diesem Sinne seien als Lektüreempfehlung genannt:

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung. Hamburg 2013.
Martha C. Nussbaum: Not for profit – why democracy needs humanities. Princeton 2012.
Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. München 2008.
Julian Nida-Rümelin: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006.
Vittorio Hösle: Philosophische Grundlagen eines zukünftigen Humanismus. In: V.H.: Die Philosophie und die Wissenschaften. München 1999. S. 166-188.
N. Dührsen  | Fachschaftsleitung Alte Sprachen
 

[Der folgende Text stammt von einer Schülerin, die ihre Erfahrungen mit dem Fach Latein für die Fächervorstellung zusammengefasst hat]

Fronti nulla fides – Der Schein trügt

Malum necessarium – Das notwendige Übel
Ein ergrauter, älterer Herr steht in einem Raum mit einem Buch in der Hand. Er liest einen Text vor, achtet darauf, ihn genau so vorzutragen, wie es Cicero damals getan haben muss. Er entdeckt eine seltene rhetorische Figur, erläutert sie kurz, lobt den meisterhaften Stil des Verfassers, rückt seine Brille zurecht, und fährt fort. Vor ihm sitzen zwei Dutzend ahnungslose Jugendliche. Sie können kaum das Ende der Stunde erwarten – und den Zeitpunkt, in dem jener Greis endlich in den Ruhestand treten wird. Max schaut gelangweilt aus dem Fenster. Diesen Mangel an Respekt kann sich der Lehrer nicht gefallen lassen:“Mustermann!“ Sofort steht der Genannte auf und wartet gleichsam auf die Exekution. „Bilden Sie die zweite Person Plural Femininum von „promittere“ im Konjunktiv Plusquamperfekt Passiv“…

Ähnliche Vorstellungen werden häufig mit dem Lateinunterricht verbunden. Monotones Pauken von Vokabeln und grammatischen Endungen – wie kann man es den Schülern verübeln, dass ihnen die Lust dazu fehlt?

Nolens, volens – Ob du willst oder nicht
Dennoch ist Latein fester Bestandteil des Stundenplans an der Sankt-Ansgar-Schule und trägt entscheidend zur Prägung ihres Leitbildes bei. Der Erwerb dieser Sprache ist für jeden SAS-Schüler eine Pflicht. Doch eine unangenehme?

Prius quam exaudias,ne iudices – Urteile nicht, bevor du erhörst.
Trotz des relativ großen Lernaufwands profitiert man zweifellos von Lateinkenntnissen: Sie sind sowohl für das Erschließen und Verstehen deutscher Begriffe als auch für das Erlernen zahlreicher Fremdsprachen wie Spanisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Portugiesisch, aber auch Altgriechisch von Vorteil. Außerdem wird den Schülern ein bewussterer Umgang mit dem Deutschen vermittelt. Zusätzlich werden Selbstständigkeit und Konzentrationsfähigkeit gefördert.

Ardua prima via est.  – Der erste Weg ist steil.
Der Lateinunterricht beginnt für die Schüler unserer Schule regulär in der sechsten, wahlweise aber auch schon in der fünften Klasse. Die ersten drei bis vier Jahre gelten dem Aufbau eines soliden Gerüsts aus Grammatik und Grundwortschatz. Dabei ist das Arbeiten mit dem Lehrwerk „Iter Romanum“ üblich. Durch kurze lateinische Übersetzungstexte und Übungen bereitet es auf die spätere Lektürephase vor. Anhand der Textinhalte gewährt es einen Einblick in römische Kultur, Geschichte und Mythologie.

Experto credite!  –  Glaubt dem Erfahrenen!
Im Folgenden möchte ich von meinen persönlichen Eindrücken in den ersten Latein-Lernjahren an der SAS berichten.
„Salvete discipuli!“ („Seid gegrüßt, Schüler!“) So lautete immer die Begrüßung vor den Lateinstunden. Diese erwiderten wir mit „Salve magister!“ („Sei gegrüßt, Lehrer!“)

Decies repetita placebit.  –  Zum zehnten Mal wiederholt wird es gefallen.
Ein weiteres Ritual war das Schreiben von Vokabeltests an Freitagen: Es mussten immer die neuen Wörter aus der in der jeweiligen Woche behandelten Lektion gelernt werden. Wir dachten jeden Freitag an die Motivation von Seiten unseres Lehrers: Ein Klassendurchschnitt von 1,0 würde mit einem Kinobesuch belohnt werden. Leider gelang es uns nie, dieses Ziel zu erreichen. Die wöchentlichen Tests waren zunächst oft ziemlich lästig, doch mit der Zeit gewöhnten wir uns daran. Heute halte ich sie für die allerbeste Methode, sich Vokabeln anzueignen.

Qualis rex, talis grex – Wie der König, so die Herde
Oder eher: Wie der Lehrer, so der Unterricht; Sequenzen voller Konzentration und entspannter Atmosphäre wurden hervorragend im Gleichgewicht gehalten. Was beherrscht werden musste, behandelten wir recht zügig (so zügig, dass wir bald die Parallelklasse, deren erste Fremdsprache Latein war, ein- und sogar überholten). Trotzdem wurde uns vieles mehr als nur der Lernstoff beigebracht. Es blieb immer genug Zeit für ein kleines Pläuschchen. Beispielsweise suchten wir in den Lesestücken stets den Bezug zur Gegenwart und schweiften schließlich immerzu vom Thema ab und sprachen über aktuelle Geschehnisse. Dadurch wurde unser Allgemeinwissen enorm erweitert.

Litterarum radices amarae sunt, fructus iucundiores. – Die Wurzeln der Bildung sind bitter, die Früchte erfreulicher.

Am Anfang des neunten Schuljahres zeigte sich, wofür wir alle – die meisten jedenfalls – in den vergangenen Jahren gearbeitet hatten. Jetzt lasen wir Lektüren. Andere sahen es als das größte Privileg, dass uns nun bei Klausuren die Nutzung eines Wörterbuchs gestattet wurde.

Finis coronat opus. – Das Ende krönt das Werk.

Grundlegende Kenntnisse des Lateinischen werden mit dem sog. Latinum anerkannt. Dieses wird nach einer mindestens fünfjährigen Unterrichtszeit verliehen. Hier gilt: Die Zensur muss ausreichend oder besser sein. Danach steht es dem Schüler frei, das Fach endgültig aufzugeben oder in der Oberstufe zu kontinuieren. Zudem kann die Sprache der alten Römer als Prüfungsfach für das Abitur festgelegt werden. Entscheidet man sich gegen eine Fortsetzung des Lateinunterrichts, erhält man das Latinum, das in vielen Berufsfeldern nützlich, erwünscht oder gar ausdrücklich gefordert sein kann. Fällt die Wahl auf das Weiterführen der Latein-Karriere, wird auf der vorhandenen Basis aufgebaut. Es stehen anspruchsvollere Lektüren auf dem Plan. Man wird mit Fragen aus der Antike konfrontiert und bringt diese mit heutigen Gedanken in Verbindung. Ebenfalls treten Politik, Gesellschaft, Religion sowie Philosophie zunehmend als inhaltliche Schwerpunkte in den Vordergrund. Ferner werden die Texte auf besondere sprachliche Erscheinungen und ggf. Metrik untersucht.

An vielen Gymnasien wird Latein lediglich als Wahlfach angeboten. Für Schüler der Sankt-Ansgar-Schule besteht jedoch glücklicherweise nicht das Risiko, mangels Lateinunterricht Wissen fürs Leben zu verpassen. Es ist doch ein Segen, in den Genuss dieser altsprachlichen Bildung zu kommen, um sich anschließend damit vor Nicht-Lateinern brüsten zu können!

Marcelina Gilka | kk