Tiefseegold – oder: vom jugendlichen Verlangen nach Glück

Frühlings Erwachen, ein Ereignis des Theater-Kurses Brauer

Sankt-Ansgar-Schule Hamburg, „Impro-Theater“, 12./13.5.2017.

Was geschieht, wenn einer Gesellschaft spätpubertierender Erwachsener der Spiegel wirklich jugendlicher Lebenssehnsucht vorgehalten wird? Frank Wedekinds Skandaldrama, 1890/91 entstanden und erst 16 Jahre danach in einer entschärften Version in Berlin uraufgeführt, war die Vorlage für Nuran David Calis‘ Version „Frühlings Erwachen – Live Fast, Die Young“. Seine Verfilmung hatte genügend Kursmitglieder so sehr begeistert, dass sie ein Stück aufführen wollten, dessen Thematik schwer nach ausgehendem 19 Jahrhundert müffelte. Selbst Calis‘ Fassung, ein eklektizistisches Assoziationsgewitter mit einst modischer Anglizismenfärbung, wirkt nach 10 Jahren fast betulich. Kann man z. B. im Zeitalter sozialer Netzwerke und ekstatischer Selbstentblößung noch über Schamhaftigkeit nachdenken?

Der Kurs hatte sich also eine Mammutaufgabe der Überarbeitung und Inszenierung vorgenommen und hat diese, soviel vorweg, grandios gelöst – nicht zuletzt dank der leidenschaftlichen Professionalität des Kursleiters Thomas Brauer. Das Gebäude wurde entkernt, bloß der Rohbau blieb stehen: Wendla Bergmann und ihre Freundinnen und Freunde sind auf der Suche nach beglückendem Leben, einer lebbaren Zukunft jenseits elterlicher „Rädchen-im-Getriebe-Modelle“, befreit von Erziehungsdiktaturen und frei schwebend hingegeben an Gefühls- und Hormonräusche. Halb aus Protest gegen ihre verklemmte Erziehung verführt Wendla sich und Melchior, den Sonnyboy, wird schwanger und stürzt ihre Mutter ins Unglück. Melchiors Freund Moritz, ein begnadeter Taucher, geht mit Bleischuhen durch sein jugendliches Schulleben, um die gnadenlosen Leistungserwartungen seiner Eltern nicht zu enttäuschen. Er träumt von einer unter einem Stausee verschwundenen Goldader, die einst einem nach Amerika ausgewanderten Großvater gehörte. Martha, die heimlich Moritz liebt, hofft, dem Terror ihrer schlagenden Eltern zu entwachsen, Ilse will Sex statt Liebeslyrik und ihre Abweisung des Amateurdichters Moritz wird zum Anlass für dessen Selbstmord. Sein Tod bringt die zerstrittenen Eltern Stiefel wieder zusammen, ein eher „unbrauerischer“ Hoffnungsschimmer. Am Ende bleibt Katerstimmung und im Schlussbild legen sich alle 18 Akteure auf die rot ausgekleidete Bühne, die Anfangsszene aufnehmend, gemeinsam, gleichsam zurückkehrend in den Uterus unser aller Mutter Erde.

Es ist nicht einfach, die dramatische Spannung in einem solchen, zweieinhalbstündigen Szenenkaleidoskop aufrecht zu erhalten, aber die Schülerinnen und Schüler haben es mit mitreißender Spielfreude, mit vollem Körpereinsatz und zahlreichen, überraschenden Inszenierungsideen geschafft. Wendla (Isabeau) tanzt beschwingt durch ihre Rolle, Melchior (Elenios) bewältigt souverän die (90%-)Striptease-Szene zur Schamhaftigkeits-Debatte, Moritz (Max) kann den Selbstmord glaubhaft machen. Mutig und anrührend ist das Outing von Ernst (Robert) und Hans (Nikolai), cool und subtil die obdachlose Paula, so zart die Liebesszene zwischen der stotternden Lotte (Pheline) und dem rappenden Marco (Christian). Geradezu schmerzhaft ist der Geschlechterkampf der Eltern Stiefel (Mara und Leon), mitleiderregend die verzweifelte Mutter Bergmann (Melina), sichtbar gefühllos der Gefühlsexperte Dr. Reich (Bao Hui). Gelegentlich genügte die Stimmgewalt nicht dem eigenen Anspruch, doch sämtliche Rollen wurden nicht bloß durchgehalten, sondern gelebt. So entstand die Magie der alternativen Theater-Welt, die ein großes und emphatisches Publikum einen Abend lang davor bewahrte, an die harte Realität zu stoßen.

Dank der unermüdlichen, teils eigens aus Japan angereisten Theater-Sympathisanten (die Kittel-Brüder!!) hat die Technik inzwischen Profi-Niveau erreicht. Nebel, Licht und Ton, Blitz und Donner helfen mit, unsere Improvisations-Bühne zu den Brettern zu machen, auf denen die Jugendlichkeit der Schule ihre Sehnsucht nach Welt spielt. Was dann geschieht, mit Jungen und Älteren, ist ein Zauber: Die Sehnsucht nach dem Glück fällt aus der Zeit und fliegt mit uns durch die Nacht.

  • Text: A. Goletz-de Ruffray, Fotos: Ka