Zug zum Abgrund

Mitreißende Inszenierung des Stücks „Ich Tasche“ von Felicia Zeller durch den DSP-Kurs 4. Semester     Samstag, 12.4.2014. Mach‘ doch nicht so ein … Das kostet nicht die … Ist doch nicht so … Wer jetzt gelächelt und ‚Theater-Welt-schlimm‘ ergänzt hat, gehört vermutlich zu den Privilegierten, die noch Karten für die gestrige Theateraufführung unter Leitung von Herrn Brauer ergattern konnten. Wieder einmal ist unsere unterdimensionierte Pausenhalle innerhalb weniger Tage zur Bühne des Lebens mutiert, ist Schauplatz existentieller Auseinandersetzung mit der Moderne geworden, die für die zeitgenössische Dramatikerin Zeller von einer „Spirale immer größerer Selbstzurichtung im Namen der Markteffizienz“ geprägt ist. Wieder einmal haben Leiter und Teilnehmer des Viersemesterkurses Darstellendes Spiel aus der Not eine Tugend gemacht und mit verblüffender Kreativität und enormem Einsatz das Bühnenprovisorium zum Ausdrucksmittel erhoben.

Ein paar Stühle suggerieren dem inneren Auge ein Bahnabteil, das vor auf die durchscheinende Kulisse projizierten Landschafen dahingleitet und einen Reigen skurriler Vertreter der postmodernen Gesellschaft durch Deutschland kegelt. Die Menschen erscheinen als bloße Hüllen, als willenlose Behältnisse, als TASCHE, definiert durch ihr Äußeres, ohne Tiefgang, mit Sprachhülsen schein-kommunizierend, lediglich momentlang in ihrer schmerzhaften Sehnsucht nach wirklichem Gefühl, nach echtem Leben als Geschöpfe aufblitzend – so etwa im Feuer der Stroboskopblitze während der eindrucksvollen Tanzeinlage, als Chor in der gefühlvollen Gesangseinlage. Bislang macht sich ihre Wut über ihre Verlorenheit im präzise einstudierten, lautstarken Chorsprechen Luft, aber sie bleiben Gefangene einer sinnentleerten, begegnungslosen Gesellschaft. Die behutsame Bearbeitung der Textvorlage verhindert, dass die Zellersche Technik der „Strukturverstärker“, der verkürzten Kollokationen, zur Manier wird, aber doch die Zuschauer zum Mitdenken, ja Mitsprechen zwingt und gleichzeitig den Verlust der eigenen Sprache hinausschreit. So wird die Bahnfahrt zur Großmetapher der Postmoderne, eine Gesellschaft der Vereinzelten stürzt ihrem Abgrund entgegen und folgerichtig schwappt am Ende – grandioser Regieeinfall – ein überdimensionales, blutrotes Tuch über die Verunglückten, aus dem bloß noch die Hände der Ertrinkenden hervorstechen. Die wenigen Überlebenden aber machen schnell klar, dass es sich um längst abgetrennte Gliedmaßen handelt.

Schockierend, zutiefst beeindruckend, verwirrend modern, aber auch streckenweise urkomisch, kathartischer Humor, der den Zuschauer aber nicht vor der Erkenntnis rettet, dass seiner Gesellschaft ein Zug zum Abgrund innewohnt, den Felicia Zeller für unaufhaltsam hält (www.felicia-zeller.de, Interview). Allerdings scheinen mir die herausragenden Leistungen der Darsteller ihren Kulturpessimismus ad absurdum zu führen, denn Schultheater auf diesem Niveau entwickelt Erlösungspotential, zeigt, dass hier eine Generation heranwächst, die zur nicht bedingungslosen, sondern – viel besser – vollständigen und reflektierten Hingabe fähig ist – wenn wir erwachsenen Konsum-, Wachstums- und Anpassungsjunkies denn in der Lage sind, sie ernst zu nehmen und aufrecht gehen zu lassen. Ausnahmslos alle Bühnenschauspieler haben bewiesen, dass sie eine eigene Welt aufbauen, erhalten und dem Zuschauer so intensiv vermitteln können, dass dieser zwei Stunden lang Gefühlsachterbahn fahren konnte. Auch die Qualität der im Hintergrund arbeitenden Film- und Regiegruppe wurde im nahtlosen Einbau der Videosequenzen, in Dutzenden Regieideen und im traumwandlerischen Miteinander der Darsteller sichtbar. Wenn Theater die Welt rechtzeitig – und so großartig – als schlimm darstellen kann, ist diese vielleicht zu retten. Und: solches Theater verdiente eine viel größere Bühne!

Andreas Goletz-de Ruffray
fotos: kkamphues