Rollenspiel Mauerschützen-Prozess

Bildschirmfoto 2014-02-03 um 22.26.08mit dem Buchautor Roman Grafe

Ein Rollenspiel zum Thema Mauerschützenprozess hat man uns Schülern des 2. Semesters der Sankt-Ansgar-Schule angekündigt. Viel darunter vorstellen kann sich kaum einer von uns. Überhaupt haben wir von dem Begriff Mauerschützenprozess zum ersten Mal von Roman Grafe, aufgewachsen in der DDR und Autor von mehreren Sachbüchern, die sich mir der innerdeutschen Grenze beschäftigen, gehört.

Wir sollen also unter Anleitung Roman Grafes den Prozess gegen den Todesschützen von Chris Gueffroy, den letzten durch Schusswaffen getöteten Mauerflüchtling, in einem Schauspiel thematisieren. Die Rollen sind schnell verteilt. Staatsanwaltschaft, Rechtsanwälte, Angeklagter, doch besonders auf die Positionen der Richter gibt es großen Andrang. Vermutlich deshalb, weil viele von uns schon ein recht klares Urteil über die Situation haben. Mord ist nun mal Mord. Oder?

Nach einer Einführung in den historischen Kontext durch Roman Grafe kann der Prozess eröffnet und die Anklage verlesen werden. In der Nacht des 05.02.1989 klettern Chris Gueffroy und sein Freund Christian Gaudian über die Hinterlandmauer und betreten den Grenzstreifen. Dabei lösen sie Alarm aus und die Grenzsoldaten werden auf sie aufmerksam. Auf den Warnruf der Soldaten folgt ein Warnschuss. Doch Gueffroy und Gaudian laufen weiter, versuchen die Mauer mit einem Enterhaken zu überwinden. Als dies scheitert, will Gueffroy seinem Freund mit einer Räuberleiter auf die rettende andere Seite verhelfen. Vier Soldaten eröffnen das Feuer, darunter auch der ausgezeichnete Schütze Ingo H., fünfzig Meter von den beiden jungen Männern entfernt. Erst trifft er Gueffroy am Fuß, doch als er sieht, dass dieser stehen bleibt und Gaudian kurz vor der Flucht steht, zieht er seine Kalaschnikow hoch. Der Schuss trifft Gueffroy tödlich ins Herz. Er stirbt im Grenzstreifen. Sein Freund Gaudian wird verhaftet und zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

In unserem Prozess darf zuerst die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten Ingo H. Fragen stellen. Doch schnell kommt Verwirrung auf, denn dieser weigert sich zuerst komplett seine Schuld einzugestehen. Die Staatsanwaltschaft ist zunächst etwas ratlos, wie soll sie jetzt die Schuld des Angeklagten beweisen? Im wirklichen Mauerschützenprozess wird sich hierüber lange gestritten, sogar der Papst von einem Rechtsanwalt in den Zeugenstand gerufen, um zu beweisen, dass die Schüsse aus einem Ufo abgefeuert wurden. Bei uns nimmt dies zum Glück nur einige Minuten in Anspruch, denn durch wissenschaftliche Berichte, die bereits zu dem damaligen Zeitpunkt vorlagen, kann ausgeschlossen werden, dass ein Anderer als Ingo H. den tödlichen Schuss abgegeben hat.

Ein Verbotsirrtum, also die Unwissenheit über die Rechtswidrigkeit seiner Aktion, kann schnell ausgeschlossen werden. Auch in der DDR war Mord eine Straftat. Eine wichtige Voraussetzung für den Prozess, denn Täter durften nur verurteilt werden, wenn sie sowohl west- als auch ostdeutsches Recht verletzt hatten.

Der Angeklagte beruft sich nun auf sein Befehlsverhältnis, das ihm vorgebe, jegliche Grenzübertritte zu verhindern.

Die Staatsanwaltschaft bestreitet, dass dazu ein Todesschuss von Nöten gewesen wäre. Das Beispiel Lutz Rathenow kommt auf, ein in der DDR aufgewachsener Autor, ebenfalls Grenzsoldat, der sich vorgenommen hatte, bei Vorfällen absichtlich daneben zu schießen, da er nicht auf Menschen schießen wollte.

Vor der Urteilsfindung erfolgen die Plädoyers der Rechtsanwälte und der Staatsanwaltschaft: Freispruch aufgrund des Befehlsverhältnisses auf der einen, zehn Jahre Freiheitsstrafe für Totschlag auf der anderen Seite. Danach ziehen sich die fünf Richter zur Urteilsfindung zurück. Während sie einstimmig von der Schuldigkeit des Angeklagten überzeugt sind, gibt es beim Strafmaß größere Unterschiede. Für einige ist das Unrechtsbewusstsein zum Zeitpunkt der Tat ein erschwerender Aspekt, andere entlasten den Angeklagten mit dem Druck, unter dem der Grenzsoldat stand. Zuletzt einigen sich die Richter auf eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren, was im normalen Strafmaß für Totschlag bei fünf bis fünfzehn Jahren liegt. Interessant ist hier der Unterschied zum Urteil des Bundesgerichtshofs, der die Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren für Ingo H., die durch das Landgericht Berlin verhängt wurde, zu einer Bewährungsstrafe werden ließ.

Auch die zuschauenden Mitschüler, repräsentativ für das Volk, zeigen sich mit dem Urteil einverstanden, doch es brennen sich noch andere Dinge in das Gedächtnis, z.B. dass die Mutter von Chris Gueffroy einen Tag nach der Erschießung ihres Sohnes „zur Klärung eines Sachverhaltes“ ins Polizeipräsidium gefahren wurde, wo man ihr mitteilte, dass ihr Sohn ein Attentat auf eine militärische Einheit verübt habe. Oder dass die vier Grenzsoldaten, die das Feuer auf Gaudian und Gueffroy eröffnet hatten durch den Chef des Grenzkommandos Mitte, Erich Wöllner, mit dem Leistungsabzeichen der Grenztruppen und jeweils 150 Mark Prämie versehen wurden. Vor allem aber die Frage, wie schlimm es in einem Land stehen muss, wenn zwei junge Erwachsene und viele andere vor ihnen, sich in eine potenziell lebensgefährliche Situation begeben, um ihm zu entkommen?

Es sind diese Impressionen aus einem Unrechtsregime, die uns das ernsthafte und nachdenkliche Auseinandersetzen mit diesem Rollenspiel besser vermitteln konnte als jeder Sachtext. Das Leiden der Opfer und das Ausweichen der Täter. Die Schuld des kleinen Mannes, der durch das Ausführen seines Befehls den Machthabern erst ein Fundament für ihr Regime baut, aber auch die Chance und die Notwendigkeit „Nein“ zu sagen.

Felix Oldenburg | 2. Sem. | 23. Januar 2014